Das Paradoxon der europäischen Standortpolitik
In den Konferenzräumen zwischen Hamburg und München herrscht eine seltsame Ambivalenz. Einerseits wächst das Bewusstsein für die Bedeutung von künstlicher Intelligenz rasant, andererseits bleibt das Tempo der tatsächlichen Umsetzung hinter den Erwartungen zurück. Während amerikanische Konzerne bereits die Phase der autonomen Agenten eingeläutet haben, ringen viele deutsche Betriebe noch mit der grundlegenden Datenstrukturierung in ihren Kundenverwaltungssystemen. Dieses Phänomen lässt sich als Souveränitätsparadoxon bezeichnen: Man strebt nach Unabhängigkeit, nutzt aber fast ausschließlich Werkzeuge, deren Logik und Datenhoheit jenseits des Atlantiks liegen. Die Gefahr besteht darin, dass hiesige Firmen zu reinen Anwendern degradiert werden, die lediglich die Effizienzreste verwalten, welche ihnen die großen Plattformbetreiber lassen. Eine echte digitale Souveränität erfordert jedoch den Mut, eigene technologische Schwerpunkte zu setzen. Es reicht nicht aus, bestehende Prozesse zu digitalisieren. Vielmehr müssen Unternehmen verstehen, wie künstliche Intelligenz die gesamte Wertschöpfung im Vertrieb neu definiert. Dies bedeutet auch, sich kritisch mit der Herkunft der genutzten Algorithmen auseinanderzusetzen. Die Abhängigkeit von wenigen globalen Anbietern schafft Risiken, die über rein technische Fragen hinausgehen. Es betrifft die Fähigkeit, eigene Geschäftsmodelle flexibel an Marktveränderungen anzupassen. Wer seine Strategie vollständig auf die Vorgaben fremder Systeme stützt, verliert langfristig die Kontrolle über die wichtigste Ressource: den direkten Zugang zum Kunden und die daraus resultierenden Erkenntnisse. Die Lösung liegt in einer hybriden Strategie, die globale Leistungsfähigkeit mit lokaler Kontrolle und spezialisierten europäischen Lösungen kombiniert. Nur so kann der Mittelstand seine Rolle als Innovationsmotor behaupten und gleichzeitig seine unternehmerische Freiheit im digitalen Zeitalter bewahren.
